{"id":936,"date":"2021-12-10T08:47:08","date_gmt":"2021-12-10T08:47:08","guid":{"rendered":"https:\/\/user-71097189-work.colibriwp.com\/my-awesome-site-2\/?p=936"},"modified":"2021-12-10T08:47:08","modified_gmt":"2021-12-10T08:47:08","slug":"was-wahlen-gehen-schlaue-kinder-und-den-hund-raus-bringen-gemeinsam-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/user-71097189-work.colibriwp.com\/my-awesome-site-2\/was-wahlen-gehen-schlaue-kinder-und-den-hund-raus-bringen-gemeinsam-haben\/","title":{"rendered":"Was w\u00e4hlen gehen, schlaue Kinder und den Hund raus bringen gemeinsam haben"},"content":{"rendered":"\n<p>Als der Europapolitiker Martin Schulz im Jahr 2015 die Deutsche Sporthochschule K\u00f6ln besuchte, habe ich mir einmal die M\u00fche gemacht und mit Daten des statistischen Bundesamts eine Korrelation zwischen der Entwicklung der Wahlbeteiligung der deutschen Bundestagswahl 1998-2009 und dem Anteil der \u00dcbergewichtigen an der bundesdeutschen Gesamtbev\u00f6lkerung im selben Zeitraum berechnet. Immerhin hei\u00dft es ja, man \u201egeht zur Wahl\u201c. Da die Anzahl der Briefwahlen im selben Zeitraum konstant geblieben ist, immer mehr Menschen an \u00dcbergewicht leiden, was nachweislich der k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t im Allgemeinen und dem Gehen im Speziellen abtr\u00e4glich ist, hatte ich vermutet, dass die Wahlbeteiligung sinkt. In der Tat gibt es einen negativen korrelierten Zusammenhang (p &lt; .01, r = 0.38) zwischen diesen beiden Zahlen: Je mehr \u00dcbergewichtige, desto geringer die Wahlbeteiligung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind diese Zahlen nicht repr\u00e4sentativ. Mein Anliegen bestand darin eine Sensibilit\u00e4t daf\u00fcr zu entwickeln, wie die anthropologische Grundkonstante Bewegung \u00fcber viele tausende von Jahren nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Sprache gepr\u00e4gt hat. \u201aZur Wahl gehen\u2018, \u201aetwas begreifen\u2018, \u201aspringen vor Freude\u2018 \u2013 sind sprachliche Floskeln, die unsere menschliche Beziehung zur Bewegung reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklungsgeschichte des Menschen ist gepr\u00e4gt durch Bewegung. Erwerbst\u00e4tigkeit war \u00fcber tausende von Jahren k\u00f6rperliche Erwerbst\u00e4tigkeit. Auch der Alltag im Allgemeinen war deutlich st\u00e4rker von Bewegung gepr\u00e4gt. Der Schulweg meiner Gro\u00dfeltern bestand aus einem beispielsweise aus einem einst\u00fcndigen Fu\u00dfmarsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Eintritt ins Informationszeitalter Mitte der 1980er Jahre steigt die Zahl der Bewegungsmangelerkrankungen. Diese summieren sich im sogenannten metabolischen Syndrom: Dickleibigkeit, Bluthochdruck verbunden mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ebenso wie Diabetes Typ II. Erschreckend ist dabei zu sehen, dass sich dieses Ph\u00e4nomen schon im fr\u00fchen Kindesalter auspr\u00e4gt. W\u00e4hrend es fr\u00fcher den einen \/ die eine \u201eDicke(n)\u201c in der Klasse gab, gelten mittlerweile fast 15% der Kinder als adip\u00f6s (1). Dies ist nicht zwingend auf die zunehmende Digitalisierung zur\u00fcckzuf\u00fchren, wie gerne ins Spiel gebracht wird, sondern beruht in hohem Ma\u00dfe auch auf dem Faktor Bequemlichkeit. Und aktuelle Studien zeigen, dass dicke Kinder meist zu dicken Erwachsenen werden (2).<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei mir hier ein kleiner Exkurs zum Thema Digitalisierung erlaubt. Ich werde nach Vortr\u00e4gen immer wieder auf das Thema Smartphone- und Tablet Nutzung und\/oder Medienkonsum bei Kindern angesprochen \u2013 meist, eigentlich immer, mit einem negativ konnotierten Unterton. Exkurs im Exkurs: Es ist immer witzig zu sehen, wie Fragende Ihre eigenen Vorstellungen und Erwartungen auf den Vortragenden projizieren und Best\u00e4tigung erwarten. Kritisch denken und verstehen wollen, offen zu sein f\u00fcr andere Antworten w\u00e4ren nicht nur mir lieber, sondern auch dem Miteinander zutr\u00e4glicher. Exkurs im Exkurs Ende. Wir m\u00fcssen uns, als Eltern und Gro\u00dfeltern bewusst werden, dass unsere Kinder in einer anderen Zeit gro\u00dfwerden. Die Digitalisierung geh\u00f6rt dazu und unsere Kinder m\u00fcssen lernen damit umzugehen, damit sie sp\u00e4ter nicht abgeh\u00e4ngt werden. Und wie so oft, sind wir als Eltern die Vorbilder. Betrachten Sie doch mal ihre eigenen Laptop-, Smartphone-, Tablet- und Netflixnutzungsgewohnheiten. Meine sind intensiver als die meiner Kinder. Nun mag man argumentieren, dass sei beruflich notwendig. Ist es auch \u2013 aber oft geht es auch nur darum mal abzuspannen oder darum mit Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken zu chatten. Es gibt durchaus auch sinnvolle Spiele f\u00fcr Kinder. Mein Sohn hat lange Zeit Minecraft gespielt und ich bin und war begeistert \u00fcber die erschaffenen Welten. Zu viel Digitales ist nicht das Problem, \u00e4hnlich wie zu viel Essen nicht per se das Problem von \u00dcbergewicht ist. Das Problem ist in beiden F\u00e4llen der fehlende Ausgleich durch Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen werden dick, weil es zu einem Ungleichgewicht zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch kommt. Evolutionsbiologisch hat es durchaus Sinn gemacht Nahrung, wenn Sie verf\u00fcgbar war, in hohem Ma\u00dfe aufzunehmen und Zucker\/Kohlenhydrate in Fette umzuwandeln. Diese Speicherdepots konnten dann in der einer Periode des Nahrungsmangels aufgebraucht werden und damit das \u00dcberleben sichern. Das beste Beispiel daf\u00fcr ist der Winterschlaf des B\u00e4ren. Niemals in der Geschichte der Menschheit waren hochkalorische Nahrungsmittel so unmittelbar und in rauen Massen verf\u00fcgbar wie heute. Und noch niemals in der Geschichte der Menschheit mussten wir im Berufs- und Alltagsleben so wenig Energie aufbringen um das \u00dcberleben zu sichern. Das Zuviel an Nahrung, insbesondere an Zucker und Kohlenhydrate die wir heute aufnehmen wird \u2013 so hat es uns die Evolution gelehrt \u2013 in Form von Fett gespeichert. Der K\u00f6rper macht hier alles richtig, was fehlt ist die n\u00e4chste Hungerperiode in der dieser endogene Vorrat wieder aufgebraucht wird. In Deutschland wird die Entwicklung von Bewegungsmangelerkrankungen noch durch eine lebendige und bewusste Ern\u00e4hrungskultur gebremst. In den USA und auch in Australien, wo diese Kultur oftmals fehlt (bzw. interessanterweise gerade wieder neu entdeckt wird), hat das Problem der Fettleibigkeit mittlerweile erschreckende Ausma\u00dfe angenommen. Und interessanterweise gibt es hier wie dort ein Stadt-Land Gef\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine sehr umfassende Definition von Gesundheit, die im Jahre 1946 von der Welt Gesundheits-Organisation (WHO) publiziert wurde und die Gesundheit als einen Zustand k\u00f6rperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens definiert. Wie so h\u00e4ufig ist eine Definition, wenn sie eine Idee auf den Punkt bringt und ein komplexes Thema, wie hier Gesundheit, pointiert reduziert, umstritten und bietet Breitseite f\u00fcr Kritik. Wichtig ist in meinen Augen der genannte Trias physischen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Wenn man sich lange mit dem Thema Sport und Gesundheit besch\u00e4ftigt, f\u00e4llt auf, dass Gesundheit im Kontext des Sports meist physisch gedacht wird. Man treibt Sport um Gesund zu bleiben, meint damit aber die k\u00f6rperliche Gesundheit von Muskeln, Knochen und Herz-Kreislauf-System. An der Manifestation des K\u00f6rperlichen hat sich auch die fr\u00fche Kirche in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung abgearbeitet und sich dann, in Analogie des hellenistisch dualistischen Menschenbildes, f\u00fcr die Herrschaft der Seele \u00fcber den K\u00f6rper entschieden. Daraus resultierte eine stark ausgepr\u00e4gte Leibfeindlichkeit des Christentums, die sich zum Teil heute noch findet.&nbsp; Wie so oft in der Kirchengeschichte \u2013 und ich wei\u00df, ich polemisiere hier ein wenig \u2013 setzten sich Partikularinteressen Einzelner durch und wurden zum dogmatischen Leitbild \u2013 ohne zwingenderweise auf einer reflektierten Auseinandersetzung und theologischen Analyse (der Schriften) zu fu\u00dfen. Das alttestamentliche Menschenbild beispielsweise war ein monistisches, d.h. ganzheitliches Menschenbild. \u00c4hnlich wie der K\u00f6rper H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, Ohren, Mund und Nase hat, ist der Klumpen Mensch in der Sch\u00f6pfungsgeschichte K\u00f6rper (\u05d1\u05b8\u05bc\u05e9\u05b8\u05c2\u05e8), Vitalseele<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> (\u05d3\u05b8\u05dd) und Ich-Seele<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> (\u05dc\u05d1<em> \/ <\/em>\u05dc\u05d1\u05b8\u05d1) zugleich.&nbsp; Wenn wir dieses Bild mit dem (neuro-)physiologischen Wissen von heute betrachten, lassen sich die Funktionen des Menschen auf rein physiologische Reaktionen mit \u00fcber die Blutbahn str\u00f6menden Hormonen, die wiederum neuronale Aktivit\u00e4ten steuern beschreiben. Etwas komplexer als das vorphysiologisch-alttestamentliche Bild \u2013 aber im Grunde deckungsgleich. Das Wunderbare am Menschenbild des AT ist allerdings, dass der Mensch erst vollends zum Menschen wird, als Gott ihm seinen Atem (\u05e8\u05d5\u05bc\u05d7\u05b7) einhauchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Apostel Paulus, dessen Vorstellungen als Pharis\u00e4er selbst auf diesem alttestamentlichen Menschenverst\u00e4ndnis fu\u00dfte,&nbsp; hat sich dann, zum Zwecke der Kommunikation und Assimilation des christlichen Glaubens mit dem im Hellenismus vorliegenden dualistischen Menschenbild, welches den Menschen als zwei getrennte und nur f\u00fcr das irdische Leben miteinander verbundenen Entit\u00e4ten von K\u00f6rper und Seele betrachtet, auseinandersetzen und Zugest\u00e4ndnisse machen m\u00fcssen. Aber selbst f\u00fcr Paulus, war die Auferstehung, im Gegensatz zum hellenistischen Dualismus, der von einer Wiederauferstehung nur der Seele ausging, eine leibliche Auferstehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das heutige, westliche Menschenbild geht, ganz analog des alttestamentlichen Bildes, von einer Leib-Seele Einheit des Menschen aus. Auch wenn es vielen fundamentalistischen Theologen nicht recht ist, der Mensch ist ein funktionierendes System aus neuronalen und hormonellen Vorg\u00e4ngen, die Physis, Emotion und Kognition steuern. Das sollten wir als aufgekl\u00e4rte Menschen akzeptieren. Vor allem deshalb, weil es uns unseren Gott nicht nimmt. Wir Menschen sind ein gut funktionierendes in sich abgeschlossenes System. Aber wir gr\u00fcnden \u2013 zumindest nach biblischem Verst\u00e4ndnis \u2013 darin, dass uns ein von au\u00dfen zuwehender, g\u00f6ttlicher Geist zu dem macht, wer wir sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Liebe und Zuneigung eines anderen, in sich geschlossen funktionierenden Wesen, kann uns aus der Bahn schie\u00dfen und zutiefst ber\u00fchren. Auch hier wissen wir heute, dass all diese Gef\u00fchle auf endogene (in uns selbst befindliche) Hormone zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, aber deren Freisetzung ben\u00f6tigt nun mal einen exogen (von au\u00dfen kommenden) Z\u00fcnder. In meiner, vom Wissen um die menschliche Physiologie gepr\u00e4gten Ratio, m\u00f6chte ich zumindest die M\u00f6glichkeit mitdenken, dass der christliche, j\u00fcdische, muslimische und auch der unbekannte Gott \u00e4hnlich wirken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu den dicken Kindern: Wenn der Mensch eine Leib-Seele Einheit ist, und der K\u00f6rper krank wird, wird dann nicht auch zwingend die Seele krank? Dass, wenn die Seele krank wird, auch der K\u00f6rper krank wird, scheint allgemein akzeptiert. Wir sprechen heute oftmals von sogenannten psycho-somatischen Erkrankungen. Das bedeutet, dass psychische Erkrankungen sich in k\u00f6rperlichen Leiden manifestieren. Wir beklagen uns \u00fcber zu viel Stress und daraus resultierenden Kopfschmerzen und\/oder R\u00fcckenproblemen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitnichten ist der Stress die Ursache. Menschen haben immer schon Stress gehabt. Dabei &nbsp;liegt es auf der Hand, dass der Stress unserer Vorfahren sich in Intensit\u00e4t und Ausma\u00df deutlich vom Stress der Gegenwart unterschied. Dieser Stress manifestierte sich bis weit ins 20 Jahrhundert hinein durch einen Mangel an Nahrung ebenso wie Krieg und soziale Abh\u00e4ngigkeit (Lehnherr\/Mann-Frau). Im Lichte dieses existentiellen Stresses ist unser Stress heute ein Luxusstress, der sich oftmals schlicht aus (selbstgemachter) Zeitnot erkl\u00e4rt und schon bei unseren Kindern sichtbar ist: Nach der Schule noch schnell in den Musikkurs, dann zum Fr\u00fchchinesisch und Kinderschwimmen, abends dann noch Hausaufgaben und ein wenig Mentaltraining. Und uns Erwachsenen geht es nicht anders. Stress bedeutet, dass wir zu wenig Zeit haben um alle an uns gerichteten Anforderungen (insbesondere auch den eigenen) gerecht zu werden und zu bedienen. Und der K\u00f6rper reagiert darauf, wie er es \u00fcber Jahrtausende gelernt hat, mit der Aussch\u00fcttung von Stresshormonen, insbesondere Adrenalin und Noradrenalin. Diese Hormone haben uns das \u00dcberleben gesichert. In einer Zeit, in der Stress, wie zuvor beschrieben, die k\u00f6rperliche Unversehrtheit bedrohte (Krieg, D\u00fcrren, h\u00e4usliche Gewalt), waren die Stresshormone \u00fcberlebenswichtig. Weil sie ungeahnte Kr\u00e4fte freisetzen. Nicht umsonst werden diese Hormone auch als \u201efight- and flight\u201c-, also Kampf und Fluchthormone bezeichnet. Sie garantierten uns das \u00dcberleben, weil sie uns die Kraft zum k\u00f6rperlichen Kampf oder der k\u00f6rperlichen Flucht geben. Die fundamentale Reaktion des Menschen auf Stress ist k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t. Das hat uns als Menschen das \u00dcberleben gesichert und sich tief in unsere Physiologie eingepr\u00e4gt.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Neurophysiologisch passiert hier etwas sehr Interessantes: Unser Gehirn ist das Organ, welches am meisten Energie verbraucht (ca. 20% des Gesamtruheumsatzes). Energie, das hatte ich bereits geschrieben, ist extrem kostbar f\u00fcr uns Menschen, weil diese bis zum Aufkommen einer industriellen Versorgung mit Lebensmitteln nicht dauerhaft verf\u00fcgbar war. Wenn es nun bei unseren Vorfahren zu einer stressbedingten Ausnahmesituation kam (das Mammut jagen oder vor dem S\u00e4belzahntiger fliehen), kam es zu einer Konfliktsituation in der Energiebereitstellung des Gehirns. Um zu \u00fcberleben, wurde Energie dort gebraucht, wo Bewegung geplant, initiiert und programmiert wird, im sogenannten motorischen Kortex. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Baderegel nicht mit vollem Bauch schwimmen zu gehen. Hintergrund ist der, dass im Zuge der Verdauung vermehrt Blutvolumen und Energie dem Magen-Darm-Trakt zugewiesen wird und die Bef\u00fcrchtung besteht, in den f\u00fcr das Schwimmen ben\u00f6tigten Muskeln nicht mehr gen\u00fcgend Energie zur Verf\u00fcgung zu haben und sich damit dem Risiko eines Ertrinkungsunfalls auszusetzen.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Auch unser Gehirn sieht sich in einer Gefahrensituation kaum in der Lage rationale Entscheidungen zu treffen, weil die f\u00fcr die Ratio zust\u00e4ndigen Areale, insbesondere der Frontalkortex, zugunsten des motorischen Kortex (Flucht und Kampf), bildlich gesprochen abgeschaltet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Arne Dietrich, der heute an der American University in Beirut lehrt, hat dies erstmals zu Beginn der 2000er Jahre als Theorie der transienten Hypofrontalit\u00e4t beschrieben (3). Viele Studien der vergangenen Dekade konnten die Idee Arne Dietrichs best\u00e4tigen: Unter starker sportlicher Belastung kommt es zu einer Verschiebung von Aktivit\u00e4t aus dem Frontalkortex in den motorischen Kortex (4-6). Sportler kennen das Ph\u00e4nomen als \u201eFlow\u201c Erlebnis. Umgangssprachlich h\u00f6rt man immer wieder davon \u201eden Kopf durch Sport und Bewegung mal wieder frei bekommen zu haben\u201c. Eltern und Lehrer kennen das Ph\u00e4nomen genauso: Regelm\u00e4\u00dfige aktive Pausen im Alltag erh\u00f6hen die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsf\u00e4higkeit von Kindern und tragen zu einer erh\u00f6hten Lernerfolg bei. Booth und Kollegen konnten das in einer Studie 2014 an der mehr als 5000 Kinder und Jugendliche teilgenommen haben nachweisen: Schon 30 Minuten zus\u00e4tzliche k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t im Schulalltag haben einen signifikanten Einfluss auf den schulischen Erfolg (7).<\/p>\n\n\n\n<p>Stress geht im Gegenzug mit einer erh\u00f6hten Aktivierung des Frontalkortex einher und irgendwann wird es zu viel. Sie kennen das vom Computer: Bei zu vielen offenen Fenstern wird die Maschine langsamer und performt nicht mehr gut. Was hilft ist ein Neustart. Und Sport macht so einen Neustart mit unserem Gehirn. Sport und Bewegung kann eine Auszeit bieten, in der wir mal runterkommen und uns mental entspannen. Stress, ist nicht das eigentliche Problem unserer Gesellschaft. Das Problem ist die mangelnde Kompensation durch Sport und Bewegung, so wie wir es \u00fcber Jahrtausende in der Evolution gelehrt bekommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Schulpraxis ist es bedeutsam diese Zusammenh\u00e4nge zu erkennen und zu verstehen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Bewegung ist eine anthropologische Grundkonstante.<\/li><li>Der Mensch ist Leib-Seele Einheit<\/li><li>Dort wo Bewegung fehlt leiden Leib und Seele<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur f\u00fcr die Schulpraxis, auch f\u00fcr die Lebenswirklichkeit ist dies von Bedeutung. Was erwarten wir von unseren Kindern, wie m\u00f6chten wir, dass Sie gro\u00df werden? Mental optimiert f\u00fcr einen politisch gewollten fr\u00fchen Berufseinstieg und eine kosmopolitische Karriere? Oder schenken wir unseren Kindern Freir\u00e4ume sich selbst zu entwickeln. Und genau das tun Kinder alleine dadurch, dass Sie sich in Ihrer Welt bewegen und sie f\u00fcr sich begreifbar (!motorisches Verb!) machen. Die Mentaloptimierung geschieht nicht dadurch, dass wir mehr und mehr lernen und vermeintlich wichtige F\u00e4higkeiten in unsere Kinder hineinh\u00e4mmern, sondern Mentaloptimierung erfolgt im sinnfreien Spiel. Nicht immer mehr, sondern auch mal wieder weniger. Im Zentrum f\u00fcr integrative Physiologie im Weltraum, welches ich an der Deutschen Sporthochschule K\u00f6ln leite, sind wir am Rande auch involviert in die Trainingsgestaltung des europ\u00e4ischen Astronauten w\u00e4hrend ihres Aufenthalts auf der Internationalen Weltraumstation (ISS). Fr\u00fcher dachte ich immer, Astronauten h\u00e4tten w\u00e4hrend Ihres Aufenthalts auf der ISS mit Einsamkeit zu k\u00e4mpfen. Dies ist nicht der Fall. Ganz im Gegenteil wird uns in Simulationsstudien immer wieder berichtet, wie wohltuend das Sportprogramm doch ist, eben weil man einmal f\u00fcr sich sein und den Gedanken nachh\u00e4ngen kann. Nicht eingebunden in den LebensALLtag \u2013 sondern einmal Freiraum zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein letztes Wort: Mittlerweile haben immer mehr Eltern die Notwendigkeit des Sports, auch f\u00fcr die mentale Entwicklung Ihrer Kinder erkannt und fordern dies nat\u00fcrlich nun verst\u00e4rkt (so sind Eltern) in der Schule ein. \u201eMehr Schulsport, mehr Bewegung, mehr Aktivierung, es kann doch nicht sein, dass die Kinder in der Schule den ganzen Tag nur rumsitzen\u201c. In meinen Augen kommt diese Aufgabe weder der Schule, noch dem Schulsport zu. Das Curriculum des Schulsport ist umfassend und beinhaltet weit mehr als nur Aktvierung. Es geht u.a. auch um die Vermittlung des Kulturgut Sports, darum die verschiedenen Sportarten kennenzulernen, darum fair und gerecht miteinander umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kinder treiben dann Sport, wenn Ihre Eltern Sport treiben und als Vorbilder agieren. Wenn man sich einen Hund kauft, nimmt man in Kauf, dass man dreimal am Tag mit ihm auf die Wiese und in den Wald muss. Eine \u00e4hnliche, unausgesprochene Verpflichtung w\u00fcrde ich mir f\u00fcr werdende Eltern w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Verwendete Literatur<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Robert-Koch-Institut. KIGGS Studie 2014 [Available from: <a href=\"http:\/\/www.kiggs-studie.de\">http:\/\/www.kiggs-studie.de<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>2.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Geserick M, Vogel M, Gausche R, Lipek T, Spielau U, Keller E, et al. Acceleration of BMI in Early Childhood and Risk of Sustained Obesity. N Engl J Med. 2018;379(14):1303-12.<\/p>\n\n\n\n<p>3.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dietrich A. Transient hypofrontality as a mechanism for the psychological effects of exercise. Psychiatry research. 2006;145(1):79-83.<\/p>\n\n\n\n<p>4.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Schneider S, Askew CD, Abel T, Mierau A, Struder HK. Brain and exercise: a first approach using electrotomography. Med Sci Sports Exerc. 2010;42(3):600-7.<\/p>\n\n\n\n<p>5.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Schneider S, Askew CD, Diehl J, Mierau A, Kleinert J, Abel T, et al. EEG activity and mood in health orientated runners after different exercise intensities. Physiol Behav. 2009;96(4-5):709-16.<\/p>\n\n\n\n<p>6.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Schneider S, Vogt T, Frysch J, Guardiera P, Struder HK. School sport&#8211;a neurophysiological approach. Neurosci Lett. 2009;467(2):131-4.<\/p>\n\n\n\n<p>7.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Booth JN, Leary SD, Joinson C, Ness AR, Tomporowski PD, Boyle JM, et al. Associations between objectively measured physical activity and academic attainment in adolescents from a UK cohort. Br J Sports Med. 2014;48(3):265-70.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Die Vitalseeele manifestierte sich im Blut und w\u00fcrde in unserem heutigen physiologischen Verst\u00e4ndnis als autonomes Nervensystem bezeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Die Ichseeele wurde im Herzen verortet und entspricht unserem heutigen Verst\u00e4ndnis von Selbstbewusstsein, Vernunft und Gewissen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Nat\u00fcrlich gab es auch fr\u00fcher die Ruhigen und Besonnenen \u2013 aber die hatten in einer um das \u00dcberleben k\u00e4mpfenden Gesellschaft tendenziell weniger Lebenszeit um Ihre Gene weiterzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Wenn Sie aufmerksam weiterlesen, werden Sie feststellen, dass unser K\u00f6rper gelernt hat auf Stress ad\u00e4quat zu reagieren. In einer lebensbedrohlichen Situation wie dem Ertrinken, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer ungeahnten Mobilisierung von Kr\u00e4ften kommen. Die steigenden Ertrinkungszahlen in Deutschland haben sicherlich nichts mit der zuvor erfolgten Nahrungsaufnahme zu tun, sondern gehen zur\u00fcck auf mangelnde Schwimmausbildung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der Europapolitiker Martin Schulz im Jahr 2015 die Deutsche Sporthochschule K\u00f6ln besuchte, habe ich mir einmal die M\u00fche gemacht und mit Daten des statistischen Bundesamts eine Korrelation zwischen der Entwicklung der Wahlbeteiligung der deutschen Bundestagswahl 1998-2009 und dem Anteil der \u00dcbergewichtigen an der bundesdeutschen Gesamtbev\u00f6lkerung im selben Zeitraum berechnet. 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