{"id":812,"date":"2021-11-24T09:10:48","date_gmt":"2021-11-24T09:10:48","guid":{"rendered":"https:\/\/user-71097189-work.colibriwp.com\/my-awesome-site-2\/?p=812"},"modified":"2021-11-24T09:10:48","modified_gmt":"2021-11-24T09:10:48","slug":"neuroathletik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/user-71097189-work.colibriwp.com\/my-awesome-site-2\/neuroathletik\/","title":{"rendered":"Neuroathletik"},"content":{"rendered":"\n<p>(Hoch-)Leistungstraining ist heute ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Moderne Trainingskonzeptionen betrachten nicht mehr nur die physiologische Ebene des Athleten bzw. der Athletin, sondern auch sein bzw.- ihr Umfeld. Ern\u00e4hrung spielt ebenso wie die Frage nach der Motivation und der Kommunikation aller am Trainingsprozess beteiligten eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es immer wieder neue Konzepte: Kryotraining, High Intensity Intervall Training (HIIT), Kreatin-Supplementation, blood-flow-restriction Training (BFR) etc. pp. Trainerinnen und Trainer sind gut daran beraten (1) aktuelle Trends zu beobachten und (2) diese, insbesondere mit Blick auf die propagierten physiologischen Wirkweisen, kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner T\u00e4tigkeit als Professor mit der venia legendi Bewegungsneurowissenschaft, wurde ich in den vergangenen Monaten immer wieder mit einem, scheinbar neuen, Trainingskonzept, dem Neuro-Athletik-Training konfrontiert. Nicht nur Trainierinnen und Trainer besch\u00e4ftigt dieses Konzept, auch Athletinnen und Athleten sind \u2013 insbesondere ob der Nomenklatur \u201eNeuro\u201c \u2013 interessiert. Gleichzeitig findet sich aber kaum wissenschaftliche Literatur zum Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u201eNeuro\u201c ist zweifelsohne sexy und verkaufsf\u00f6rdernd. Allein durch die Begrifflichkeit wird ein innovatives und modernes Trainingskonzept assoziiert. Ich erlaube es mir aber an dieser Stelle einmal auf die Trivialit\u00e4t des Begriffs <em>Neuro<\/em> im Kontext des Systems Mensch hinzuweisen. Ein Neuron ist eine Nervenzelle und damit verantwortlich f\u00fcr die Transmission von Informationen innerhalb des menschlichen K\u00f6rpers. Egal wo im K\u00f6rper, die Grundprinzipien der neuronalen Kommunikation sind immer dieselben: Ein Aktionspotential sorgt f\u00fcr die Freisetzung von Neurotransmittern am pr\u00e4synaptische Spalt, diese wiederum diffundieren durch den synaptischen Spalt und docken an spezifischen Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran an, wo sie wiederum ein Aktionspotential ausl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte vereinfacht sagen: Ohne Neurone geht im menschlichen K\u00f6rper gar nichts. Alle Prozesse innerhalb des K\u00f6rpers basieren auf neuronaler Kommunikation. Unser Zentrales Nervensystem (ZNS), unser Gehirn versorgt den Rest des K\u00f6rpers entweder direkt \u00fcber absteigende Nervenbahnen (Efferenzen, so in der Motorik) oder \u00fcber die Aussch\u00fcttung von Hormonen mit Informationen, wie dieser sich, situationsad\u00e4quat zu verhalten hat. Dem voraus geht, unter Einbeziehung s\u00e4mtlicher zur Verf\u00fcgung stehender Sinnesinformationen, eine intensive neuronale Aktivit\u00e4t innerhalb des ZNS. Auch die Sinnesinformationen (visuell, akustisch, propriozeptiv, vestibul\u00e4r, taktil), werden \u00fcber sogenannte afferente Nervenbahnen ins ZNS kommuniziert. Oftmals erfolgt die Integration sensorischer Informationen auch komplett unbewusst und manchmal sogar nur innerhalb des peripheren Nervensystems (PNS, so z.B. bei den einfachen Reflexen).<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum Neuro-Athletik-Training. Unter Neuro-Athletik-Training verstehen die Autoren popul\u00e4rwissenschaftlicher Publikationen ein Training des Gehirns und des Nervensystems zur Leistungsoptimierung (auch) im Spitzensport. Angepriesen wird dies mit <em>revolution\u00e4ren neurowissenschaftlichen Erkenntnissen<\/em>. Schaut man etwas genauer hin stellt man fest, dass es beim Neuro-Athletik-Training um ein gezieltes Training der sensorischen Wahrnehmung bzw. der Integration der sensorischen Feedbackschleife in die Planung und Ausf\u00fchrung von Bewegung geht.&nbsp; Wer sich in seinem Studium und\/oder seiner Trainerausbildung etwas mit dem Thema Sensomotorik besch\u00e4ftigt hat, wird relativ schnell feststellen, dass dies alles recht wenig revolution\u00e4r ist. Bereits 1968 publizierten William T. Bradley und Koautoren ein Handbuch <em>Daily Sensorimotor Training Activities, <\/em>indem Sieein Vielzahl an sensomotorischen \u00dcbungen und Bewegungsabl\u00e4ufen zeigen, die der \u201emodernen\u201c Idee des Neuro-Athletik-Trainings recht nahe kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sinn eines Neuro-Athletik-Trainings ist unbestritten und g\u00e4ngige Trainingspraxis: Angefangen beim Reaktionszeittraining (visueller\/akustischer Reiz), \u00fcber propriozeptives und vestibul\u00e4res Training (Gleichgewichtssinn) und der generellen Wahrnehmung von und Adaptation an Umwelteinfl\u00fcsse. Nat\u00fcrlich sind die Sinne trainierbar und adaptieren bei gegebenen Reizen, das ist kein neuronales Hexenwerk. Und auch ist es m\u00f6glich \u00fcber ein gezieltes Training, beispielsweise der Blickmotorik (Visuomotorik) den Bewegungsablauf zu optimieren. Das einfachste Beispiel daf\u00fcr ist der Blick nach unten zur Einleitung des Purzelbaums. Mit dem Blick nach unten beugt sich auch die H\u00fcfte, wir rollen uns ein und dann im besten Falle nach vorne. Neuromagie!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Leistungsverdichtung im Hochleistungssport kann ein Neuro-Athletik-Training (aka sensomotorisches Training) den Ausschlag geben und entscheidend sein, kann \u00fcber Sieg und Niederlage \u00fcber Ruhm und Ehre oder Bedeutungslosigkeit entscheiden. Es macht Sinn, sensorische Defizite bei Athletinnen und Athleten, insbesondere an der Leistungsspitze mit einer Anamnese zu erfassen und diese dann gezielt und isoliert zu trainieren. Das kann man als sensorisches Training bezeichnen. Unter Einbezug der resultierenden Motorik auch als sensomotorisches Training. Und weil das alles was mit Nervenzellen zu tun hat, auch als Neuro-Training. Und weil Athleten und Athletinnen beteiligt sind, als Neuro-Athletik-Training.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist aber dringend n\u00f6tig zu differenzieren, was tats\u00e4chlich zur Verbesserung der sensorischen Integration dient und was lediglich eine Marotte zur Ablenkung und Fokussierung ist. Batterien lutschen kann funktional sein, jedoch bezweifle ich, abgesehen von der Zungenmuskulatur, eine neuromuskul\u00e4re oder sensomotorische Wirkung. TrainerInnen und Trainer ebenso wie Funktion\u00e4re sollten daran denken, dass es Trainingswissenschaften hei\u00dft und nicht Trainingshokuspokus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Kindes-, Jugend- und Nachwuchsbereich macht ein breit gef\u00e4chertes Training der Sensomotorik Sinn und ist Grundlage f\u00fcr die allgemein motorische und kognitive (Stichwort \u201ephysical literacy\u201c) ebenso wie f\u00fcr die anschlie\u00dfende sportartspezifische Entwicklung. Ein besonderes Augenmerk gilt dem sensomotorischen Training (aka Neuro-Athletik-Training) im Bereich der Neurorehabilitation nach Sch\u00e4digungen des zentralen und peripheren Nervensystems.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte es noch einmal explizit betonen. Im Trainingswissenschaftlichen Bereiche kommen immer wieder neue Konzepte und Ideen auf. Und der Neuro-Bereich wird gerade sehr gehypt. Nicht nur im Leistungssport, sondern auch im allt\u00e4glichen Leben geht es um neuronale Leistungsoptimierung. &nbsp;Auch wenn die propagierten Mittel und Methoden, Ans\u00e4tze und Ideen sinnvoll erscheinen (es ist \u00dcbrigens ureigene Aufgabe einer Marketingabteilung Dinge sinnvoll erschienen zu lassen) &nbsp;sind Trainerinnen und Trainer ebenso wie Athletinnen und Athleten gut daran beraten wissenschaftliche Expertise zu suchen \u2013 und hier sind die sportwissenschaftlichen Institute der Universit\u00e4ten sicherlich der beste Ansprechpartner. Vor allem, da sie nicht prim\u00e4r an wirtschaftlichem Erfolg orientiert, sondern dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn verpflichtet sind. In wieweit wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse dann in der Praxis auch umsetzbar sind, muss in einem transparenten Dialog mit allen beteiligten Akteuren erfolgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Verdauungstrakt des Menschen besteht \u00fcbrigens aus einem komplexen neuronalen Netzwerk, dem sogenannten enterischen Nervensystem, welches u.a. die Darmperistaltik reguliert um das was im Darm ist, zu seinem Ende zu bringen. Der n\u00e4chste Trend wird also die Neuroverdauung sein. Was ein Schei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch zwei Beobachtungen, die durchaus zu ende gedacht werden d\u00fcrfen: (1) Autoren bewerben Ihre B\u00fccher zum Neuro-Athletik-Training u.a. mit der Aussage, dass das Neuro-Athletik Training zum Erfolg der Fu\u00dfballnationalmannschaft in Rio 2014 beigetragen hat. Dem m\u00f6chte ich nicht widersprechen, gebe aber zu bedenken, dass im trainingswissenschaftlichen Bereich die Tendenz besteht erfolgreiche Konzepte zu etablieren und weiterzuf\u00fchren, was dann bzgl. des Abschneidens der deutschen Fu\u00dfballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018 in Moskau durchaus Fragen aufwirft. &nbsp;(2) Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen der Laudatio des goldenen Kalbes l\u00e4sst sich bei der kommerziellen Neurostimulation durch die sog. Hirnstimulation (transkranielle Gleichstromstimulation tCDS) beobachten. Manche bezeichnen dies auch bereits als Neurodoping. Kaum war aus der klinischen Applikation der tCDS (u.a. bei Schlaganfallpatienten) ein kommerzielles Ger\u00e4t mit entsprechend werbewirksamer Botschaft entwickelt (u.a. Halo Neuroscience: Upgrade your brain!), best\u00e4tigten die ersten Athleten, u.a. Michael Tinsley, 2012 Olympiazweiter mit einer Zeit von 47,91s \u00fcber 400m H\u00fcrden, in medienwirksamen Auftritten jetzt NUR NOCH und ausschlie\u00dflich unter Einbezug der Neurostimulation zu trainieren. Bei den n\u00e4chsten Olympischen Spielen 2016 in Rio schied Michael Tinsley dann \u00fcbrigens bereits im Vorlauf als 37. mit einer Zeit von 50,18s aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Hoch-)Leistungstraining ist heute ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Moderne Trainingskonzeptionen betrachten nicht mehr nur die physiologische Ebene des Athleten bzw. der Athletin, sondern auch sein bzw.- ihr Umfeld. Ern\u00e4hrung spielt ebenso wie die Frage nach der Motivation und der Kommunikation aller am Trainingsprozess beteiligten eine gro\u00dfe Rolle. 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